Pressemitteilung zur

drohenden Abschaffung der Ägyptologie

Derzeitige Lage des Faches Ägyptologie an der Universität Hamburg

 

Mit dem Beschluss des Präsidenten Lüthje aus dem Jahre 2005, keine Hauptfachstudenten des Faches Ägyptologie mehr aufzunehmen, droht diesem traditionsreichen und renommierten Fach an der Universität Hamburg die akute Austrocknung.


Bedeutung des Faches Ägyptologie

 

Ägyptologie ist eine kulturgeschichtliche Grundlagenwissenschaft. Die gegen 3.200 v. Chr. einsetzende Schrifttradition Ägyptens stellt eine einzigartige Brücke von den steinzeitlichen Zivilisationen zu späteren Kulturen dar. In nahezu jedem Bereich menschlicher Aktivität sind die allerersten Nachrichten durch ägyptische und vorderasiatische Texte überliefert. Eine Volluniversität, die auch Geisteswissenschaften abdecken will, kann daher auf ägyptologische Forschung nicht verzichten.

 

Die ägyptische Kultur hat nicht nur unseren Kulturraum unmittelbar beeinflusst, sondern auch den islamisch-nahöstlichen und den afrikanisch-subsaharischen Kulturraum. In der abendländischen Geistesgeschichte spielt die Rezeption Ägyptens seit den Griechen eine gewichtige Rolle und ist als Teil unseres kulturellen Erbes aufzufassen.

 

Gerade in Hamburg, wo durch die kürzlich vollzogenen Gründungen des „Interdisziplinären Zentrums Weltreligionen im Dialog“ und des „Geisteswissenschaftlichen Forschungszentrums Religion und Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart“ der Dialog zwischen Kulturen und Religionen vorangebracht werden soll, ist es fahrlässig, auf ägyptologische Kompetenz zu verzichten, bildete die ägyptische Kultur doch sowohl bei der Herausbildung der jüdischen als auch der christlichen Religion einen wesentlichen Teil des kulturellen Umfeldes. Das christianisierte Ägypten, dessen Sprache ebenfalls Gegenstand der Ägyptologie ist, gehörte wiederum zum Umfeld des entstehenden Islam.

 

Die weltweit wachsende Bedeutung des Faches schlägt sich auch in den Institutsgründungen der letzten fünf Jahre wieder. Ägyptologische Institute wurden in Argentinien, Armenien, Brasilien, Bulgarien, Kamerun, Kongo, Rumänien, Serbien, Uruguay und, neben bereits bestehenden, in den USA gegründet. Entgegen dem weltweiten Trend wird in der wohlhabenden Metropole Hamburg dieses Fach aus vorgeblich finanziellen Gründen abgeschafft, was in diesem Kontext ein Armutszeugnis darstellt.

 

Uni


Ägyptologie als Alleinstellungsmerkmal der Universität Hamburg in Norddeutschland

 

In Norddeutschland konnte Ägyptologie bislang nur an der Hamburger Universität studiert werden. Weder Schleswig-Holstein, noch Bremen und Mecklenburg-Vorpommern verfügen über einen ägyptologischen Lehrstuhl. Die einzige niedersächsische Universität, die Ägyptologie als Studienfach anbietet, liegt mit Göttingen weit im Süden. Die Universität Hamburg verliert mit dem Wegfall der Ägyptologie ein Alleinstellungsmerkmal. Die geographisch am nächsten gelegenen Universitäten für Abiturienten mit dem Studienwunsch Ägyptologie finden sich in Berlin (Humboldt-Universität und FU). Damit werden die in Norddeutschland vorhandenen philologischen Begabungen dieser Region in Zukunft den Rücken kehren müssen.

 

An der Hamburger Universität ist auch die einzige ägyptologische Fachbibliothek Norddeutschlands beheimatet. Die mit dem Wegfall des Faches einhergehende finanzielle Vernachlässigung der Bibliothek führt zu einer rasanten Veraltung der Buchbestände, die mittelfristig in wissenschaftliche Unbrauchbarkeit münden wird und einen massiven Wertverlust darstellt. Forschungen zum Alten Ägypten werden auch für Nachbardisziplinen, außeruniversitär tätige Ägyptologen und die interessierte Öffentlichkeit in Norddeutschland nicht mehr möglich sein.

 

 

Potential der in Hamburg ansässigen Ägyptologen

 

Mit sechs habilitierten Ägyptologen stellt Hamburg noch immer ein im bundesweiten Vergleich einzigartiges Kompetenzzentrum dar. Mit der Einstellung der Lehre in der Ägyptologie wird dieses Potential brachliegen. Außerdem sind sechs promovierte und zwei magistrierte Ägyptologen gegenwärtig noch in der Lehre tätig, deren Vielfalt auch im bundesweiten Vergleich noch immer einzigartig ist. Auch dieses Potential wird mit der Einstellung des Faches geopfert.

 

Das seit 2002 bei der Göttinger Akademie der Wissenschaften institutionell verankerte und in Hamburg beheimatete Projekt „Die Inschriften des Tempels von Edfu“ stellt eines der wichtigsten ägyptologischen Langzeitvorhaben im deutschsprachigen Raum dar. Das von 1986 bis 2001 von der DFG (Deutschen Forschungsgemeinschaft) getragene Projekt hat in dieser Zeit die mit Abstand größte Summe an Drittmitteln für das Archäologische Institut an der Universität Hamburg beigebracht, von dem sämtliche dort angesiedelten Fächer profitiert haben. Mit dem Wegfall der Ägyptologie verlieren die im Projekt tätigen sechs Wissenschaftler ihre universitäre Anbindung, und die Universität gibt Fachkompetenz auf.

 

Gleichfalls in Hamburg beheimatet, aber von den deutschen Akademien gemeinsam finanziert wird die Katalogisierung der koptischen Handschriften Deutschlands. Auch die dort tätigen beiden Wissenschaftler würden mit dem Wegfall der Ägyptologie ihre universitäre Anbindung verlieren, so dass die Universität auch diese Fachkompetenz leichtfertig aufgibt.

 

In Hamburg werden eine ägyptologische Fachzeitschrift und vier wissenschaftliche Reihen herausgegeben. Der Wegfall einer aktuellen Bibliothek wird die Herausgabetätigkeit zunehmend erschweren und langfristig unmöglich machen.

 

Hamburger Ägyptologen führen unter dem Dach des Deutschen Archäologischen Instituts ein langfristiges Forschungsprojekt am Grabungsplatz Abydos durch. Grabungsteilnehmer können nicht mehr aus Hamburg rekrutiert werden, weil der Nachwuchs fehlt.

 

 

Tradition der Ägyptologie in Hamburg

 

Mit ehemals etwa 900 Objekten, die aufgrund von Kriegsverlusten auf nun ca. 700 Stücke reduziert sind, steht die Sammlung der Antiken vom Nil im Museum für Völkerkunde Hamburg im norddeutschen Raum einzigartig da. Entscheidenden Anteil an der wachsenden Bedeutung der Hamburger Sammlung trug der Amarna-Ausgräber und Nofretete-Entdecker Ludwig Borchardt, der von 1902 bis 1908 im Pyramidenfeld von Abusir arbeitete. Mit Unterstützung der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) untersuchte Borchardt die Grabbezirke der Könige Niuserre und Sahure. Da auch kulturell begeisterte Hamburger zu den Unterstützern zählten und das Völkerkundemuseum intensiv gepflegte Kontakte zur DOG unterhielt, erhielt das Haus zahlreiche Objekte aus der damals üblichen Fundteilung. Kulturgeschichtlich wichtig und für eine Hansestadt von besonderer Bedeutung sind die 1912 nach Hamburg gelangten großformatigen Relieffragmente mit Darstellungen ägyptischer Seeschiffe, die aus dem Totentempel des Königs Sahure stammen und zu den ältesten ihrer Art gehören.

 

Da die Hamburger Universität erst einige Jahre später gegründet wurde, betreute der Ägyptologe Georg Möller die wachsende altägyptische Sammlung des Museums von Berlin aus. Er war auch 1903 zugegen, als in Hamburg Wissenschaftsgeschichte geschrieben wurde: Acht Jahre nachdem Wilhelm Conrad Röntgen die seinerzeit sogenannten X-Strahlen entdeckt hatte, wurde im Völkerkundemuseum die gerade eingetroffene Mumie des Chonsu-maa-cheru, eines fast 3.000 Jahre alten Priesters, untersucht. Anwesend bei der Untersuchung waren neben Möller und dem Museumsdirektor Karl Hagen auch der Senator Werner von Melle. Schon damals zeigte sich die enge Verknüpfung des Museums und Altägyptens mit der Hamburger Gesellschaft und den Hamburger wissenschaftlichen Institutionen. Werner von Melle war zu dieser Zeit im Senat vor allem zuständig für das Ressort Bildung, als Förderer des öffentlichen allgemeinen Vorlesungswesens und Initiator der „Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung“ wurde er ein Gründervater der 1919 eingerichteten Universität Hamburg. Im gleichen Jahr erhielt Albers-Schönberg, der die Röntgenuntersuchung an Chonsu-maa-cheru durchgeführt hatte und heute als Pionier der Anwendung dieser Strahlen in der deutschen Mumienforschung gefeiert wird, an dieser Uni den ersten Lehrstuhl für Röntgenologie überhaupt.

 

Von 1969 bis 1993 wurde in Hamburg mit dem siebenbändigen „Lexikon der Ägyptologie“ das internationale Referenzwerk des Faches herausgegeben. Gleichfalls in Hamburg erschienen die von Wolfgang Helck verfassten Standardwerke zur Wirtschaftsgeschichte und zu den Beziehungen Ägyptens zu seinen Nachbarn. Damit war Hamburg zu einem der weltweit wichtigsten Forschungsstandorte aufgestiegen.

Von 1984 bis 1996 hatte der damalige Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Altenmüller im Tal der Könige in Theben-West die bislang einzige deutsche Grabungskonzession inne. Der gute Ruf der Hamburger Ägyptologie hat zahlreiche ausländische Studierende bewogen, ihr Studium in Hamburg fortzuführen und einen Abschluss anzustreben.

 

Das mit Drittmitteln der DFG finanzierte Projekt im Tal der Könige (1984-1998) hat im Verein mit dem Edfu-Projekt (1986-2001, seitdem von der Akademie der Wissenschaften Göttingen fortgeführt) wesentlich zu einem guten Standing des Archäologischen Institutes und damit der Philosophischen Fakultät beigetragen. Aus kurzsichtigen inneruniversitären Überlegungen heraus wird mit der Abschaffung der Ägyptologie eines der wenigen auch international renommierten geisteswissenschaftlichen Institute der Hamburger Universität geopfert.

 

 

Internationale und inneruniversitäre Vernetzung der Ägyptologie in Hamburg

 

In den zurückliegenden Jahren haben Wissenschaftler aus Ägypten, Äthiopien, Belgien, China, den Niederlanden, Neuseeland, Österreich, Polen, Tschechien und den USA in Hamburg gewirkt und gearbeitet. Partnerschaften bestehen mit den Universitäten Prag, Warschau und Belgrad. Außerdem kooperiert das Institut mit den Universitäten Ain Schams in Kairo sowie der South Valley University in Sohag und Qena. Studenten aus Ägypten, Polen, Rußland, der Schweiz, Spanien, Tschechien, der Slowakischen Republik und den USA haben in Hamburg studiert. Wenn auf der einen Seite nach internationaler Vernetzung gerufen wird, kann nicht auf der anderen Seite ein bestens vernetztes Fach ruiniert werden.

 

Die beiden Hamburger Museen mit ägyptischen Sammlungen, das Völkerkundemuseum und das Museum für Kunst und Gewerbe, sind und waren zur Bearbeitung ihrer eigenen Bestände und zur Planung von Ausstellungen auf die Fachkompetenz von Hamburger Ägyptologen angewiesen. Umso bedauerlicher ist, dass die Universität mit der Schließung des Faches Ägyptologie in Hamburg und dem Abbau seiner Bibliothek diese fachliche Unterstützung vor Ort zukünftig beseitigt und damit auch ein Lieblingskind eines ihrer Gründungsväter preisgibt.

 

Mit den Fächern Chemie, Geschichte der Naturwissenschaften, Architektur, evangelische Theologie, Afrikanistik und Archäologie an der Universität Hamburg wurden und werden gemeinsame Forschungsunternehmungen und Lehrveranstaltungen durchgeführt. Ägyptologie ist noch immer Nebenfach bei diversen Studiengängen, was die hohe Interdisziplinarität des Faches unterstreicht. Es ist aberwitzig, inhaltlich begründete Verflechtungen an der Universität zu durchschneiden.

 

 

Breitenwirkung der Ägyptologie in Hamburg

 

Die in den zurückliegenden Jahren in Hamburger Museen gezeigten Ägyptenausstellungen zeigen eindrücklich die ungebrochene Attraktivität dieser Kultur in der breiten Bevölkerung. Die derzeit laufende Repliken-Ausstellung „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ wird mit bislang über 250.000 Besuchern nur noch von der Ausstellung „Tutanchamun“ mit Originalbeigaben aus dem Jahre 1981 übertroffen, die einen in Hamburg bisher unerreichten Besucherrekord erzielte. Die in Hamburg mittlerweile bestehende Diskrepanz zwischen Publikumsinteresse und universitärer Planung ist augenfällig.

 

Das Thema Ägypten erfreut sich einer kontinuierlichen Präsenz in der Presse. Hamburger Wissenschaftler haben in den zurückliegenden Jahren ihren Sachverstand zahllosen in Hamburg beheimateten Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten zur Verfügung gestellt. Ohne Fachbibliothek können kompliziertere Fragestellungen nicht mehr in Hamburg selbst geklärt werden, stattdessen werden die Medienvertreter für spezielle Anliegen nach Göttingen, Berlin oder Münster ausweichen müssen.

 

Der von Hamburger Ägyptologen und interessierten Laien gegründete Freundeskreis „Forum Ägyptologie an der Universität Hamburg e. V.“ hat seit dem Jahr 2000 die ägyptologische Bibliothek der Universität mit namhaften Beiträgen unterstützt. Diese Unterstützung ist nun vorerst eingestellt und die freiwerdenden Mittel sind zum Aufbau eigener Buchbestände umgeleitet worden, weil die Zukunft der ägyptologischen Fachbibliothek an der Universität nicht mehr gesichert ist. Ein umfangreiches Vortragsprogramm wird allerdings weiter aufrechterhalten.

 

Die Hamburger Ägyptologie übte stets eine große Anziehungskraft auf Gasthörer und Seniorstudenten aus. Die Universität beraubt sich nun mit der Abschaffung des Faches auch der von diesen außerordentlich engagierten Studierenden eingebrachten finanziellen Beiträge.

 


Rechtswidrige kalte Abschaffung des Hauptfachstudiengangs Ägyptologie

 

Nur im untergeordneten Gremium des Fachbereichsrates kam allein unter der Bedingung, eine BAT II-Stelle mit ägyptologischer Kompetenz am Institut für Archäologie einzurichten, eine Mehrheit für die Abschaffung des Lehrstuhls für Ägyptologie zu Stande. Nachdem diese Stelle niemals installiert wurde und die Absicht dazu mittlerweile definitiv nicht mehr besteht, ist die Grundlage für den damaligen Beschluss hinfällig und dieser erscheint daher rechtlich unwirksam. Unter diesen Umständen ist die Weigerung der Universität, auf den Beschluss noch einmal zurückzukommen, eine Haltung, die das Vertrauen zwischen Universitätsleitung und Fachvertretern schwer belastet.

 

Das übergeordnete Gremium der Universität, der Akademische Senat, hat sich zu keinem Zeitpunkt für die Abschaffung der Ägyptologie ausgesprochen. Wiederholte Versuche, eine Mehrheit zu finden, sind gescheitert. Damit besteht das Fach de jure weiter fort.

 

Durch einen Aufnahmestopp von Hauptfachstudierenden wurde im Jahre 2005 der Senatsbeschluss vom Präsidium konterkariert und das Fach auf kaltem Wege ausgetrocknet. Damit hat sich der damalige Präsident Lüthje gegen das höchste legislative Organ der Universität gestellt.

 

In späteren Stellungnahmen des Dekanats der Philosophischen Fakultät wurde die Einstellung des Faches stets mit strukturellen Überlegungen begründet. Es hat jedoch niemals eine Strukturdebatte stattgefunden, noch wurde eine Evaluation vorgenommen. Die enge Verflechtung der Ägyptologie mit weiteren Fächern besteht fort, da das Fach weiterhin als Nebenfach studiert werden kann. Allein die Emeritierung des Lehrstuhlinhabers wurde 2003 zum Anlass genommen, die heute nicht mehr aktuellen Vorgaben des damaligen Wissenschaftssenators Dräger ohne inhaltliche Begründung zu erfüllen.

 

 

Fazit

 

Der Arbeitskreis zum Erhalt der Ägyptologie fordert daher die Wiedereinrichtung des Lehrstuhls für Ägyptologie, damit diese geistesgeschichtlich grundlegende Disziplin weiterhin als Hauptfach studiert werden kann.

 

 

V.i.S.d.P.: Dr. Martin von Falck

Arbeitsgemeinschaft zum Erhalt der Ägyptologie in Hamburg:

Dr. Ruth Brech, Dr. Andreas Effland, Dr. Martin von Falck, Dr. Jan-Peter Graeff, Günther Käding, Prof. Dr. Dieter Kurth, Prof. Dr. Wolfgang Waitkus

Kontaktadresse:

c/o Edfu-Projekt

Universität Hamburg

Edmund-Siemers-Allee 1

Flügel West

20146 Hamburg

 

 

Aktualisiert (Donnerstag, den 06. Mai 2010 um 17:19 Uhr)